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Was bei einem Reizmagen hilft

Völlegefühl, Druck und brennende Schmerzen im Oberbauch – hinter solchen Beschwerden steckt manchmal ein Reizmagen. Welche Behandlungsmöglichkeiten es dann gibt
von Ulrich Kraft, 14.12.2017

Ein Reizmagen kann die Lebensqualität stark beeinträchtigen

Your Photo Today/A1Pix

Unter dem Begriff Reizmagen werden vielfältige Beschwerden im Bereich von Magen und Oberbauch zusammengefasst, die sich nicht auf eine eindeutige organische Ursache zurückführen lassen. Mediziner sprechen deshalb von einer funktionellen Störung oder einer funktionellen Dyspepsie, abgeleitet vom griechischen "dys" für Störung eine Zustands und "pepsis" für Verdauung.

Der Reizmagen gehört zu den häufigsten Erkrankungen des Verdauungsapparats. "15 bis 20 Prozent der Bevölkerung geben in Befragungen die entsprechenden Symptome an", sagt Professor Andreas Stengel, Oberarzt der Abteilung Innere Medizin VI, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, am Universitätsklinikum Tübingen. "Das ist eine ähnliche Größenordnung wie beim Reizdarm." Wie Stengel berichtet treten die beiden Krankheitsbilder oft gemeinsam auf. Und es gibt noch eine weitere Parallele. Wie das Reizdarm-Syndrom betrifft auch der Reizmagen mehrheitlich Frauen.

Welche Symptome treten beim Reizmagen auf?

Ein Reizmagen kann unterschiedliche Symptome verursachen. Bei relativ vielen Betroffenen treten die Beschwerden in erster Linie beim oder nach dem Essen zu Tage, meist in Form von Völlegefühl, Druck im Oberbauch (der sprichwörtliche Stein im Magen) und vorzeitigem satt sein. Besteht kein Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme, stehen eher Schmerzen und Brennen in der Magengegend im Vordergrund. Allerdings überlappen sich diese Beschwerdebilder häufig.

Weitere mögliche Symptome sind Sodbrennen, Aufstoßen, Übelkeit, Erbrechen und Appetitlosigkeit. "Viele Patienten mit Reizmagen verlieren auch an Gewicht", sagt Andreas Stengel. "Manche fünf Kilogramm, andere zehn oder in schweren Fällen sogar noch mehr." Charakteristisch ist auch, dass die einzelnen Beschwerden mal mehr und mal weniger ausgeprägt sind und zwischenzeitlich auch ganz abklingen können. Nach der Definition darf eine funktionelle Dyspepsie allerdings erst dann in Erwägung gezogen werden, wenn eines oder mehrere der krankheitstypischen Symptome innerhalb eines halben Jahres für mindestens drei Monate bestehen.

Was weiß man über die Ursachen des Reizmagens?

Die exakten Hintergründe des Reizmagens sind nach wie vor nicht geklärt. Allerdings konnten Forscher inzwischen verschiedene Faktoren identifizieren, die dessen Entstehung begünstigen. Dazu gehören traumatische Erlebnisse in der Kindheit, psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angst- und Essstörungen sowie negativ erlebter Stress und andere seelische Belastungen. Dass zwischen der der Psyche und den Verdauungsorganen eine enge Verbindung besteht, kommt nicht umsonst in der Redensart "das schlägt mir auf den Magen" zum Ausdruck. In den USA wird die funktionale Dyspepsie seit neuem zu den Störungen der Gehirn-Darm-Achse gezählt. Dazu passt das Erklärungsmodell der Hypersensitivität, nach dem die Betroffenen Reize, die Gesunde nicht spüren, als unangenehm wahrnehmen – zum Beispiel die Bewegungen der Magenwandmuskulatur während und nach der Nahrungsaufnahme.

Zudem scheinen genetische Faktoren eine gewisse Rolle zu spielen. "So ganz schlau sind wir da zwar noch nicht", räumt Andreas Stengel ein. "Aber Studien belegen, dass Familienangehörige von Reizmagen-Patienten eine erhöhtes Risiko haben, ebenfalls zu erkranken." Ein weiterer Risikofaktor sind Veränderungen des Darm-Mikrobioms, wie die Gesamtheit der Mikroorganismen im menschlichen Verdauungsapparat genannt wird. Dafür spricht, dass sich die funktionelle Dyspepsie nach Darminfektionen oder einer Antibiotika-Therapie entwickeln kann. Allerdings gelte das längst nicht immer und bei jedem, sagt Stengel. "In nächster Zeit werden wir einige Studien sehen, die diesen Zusammenhang näher beleuchten", verrät der Experte. Dass Alkohol, Rauchen und Übergewicht die Krankheitsentstehung fördern und die Beschwerden verschlimmern können, gilt hingegen schon jetzt als belegt.

Wie wird ein Reizmagen diagnostiziert?

Die funktionelle Dyspepsie ist eine Ausschlussdiagnose. Das heißt: Erst wenn sichergestellt ist, dass keine anderweitigen Krankheiten hinter den Symptomen stecken, darf von einem Reizmagen ausgegangen werden. "Gerade im Bereich des Magens beziehungsweise des Oberbauchs gibt es zahlreiche Diagnosen, an die man denken muss", sagt Andreas Stengel. "Magenschleimhautentzündung, Magengeschwür, bösartige Tumoren des Magens und der Speiseröhre, Erkrankungen der Gallenwege, der Leber oder des Darms, die auf die Region projizieren – die Liste ist lang."

Zunächst erkundigt sich der Tübinger Arzt bei den Patienten nach ihrer Krankengeschichte und den Symptomen. In dieser sogenannten Anamnese achtet er aber nicht nur auf das rein körperliche sondern auch auf psychosoziale Belastungsfaktoren. "Ich schaue, was es im Leben der Betroffenen gibt, das bei der funktionellen Dyspepsie eine Rolle spielen könnte", erläutert Stengel. Daran an schließt sich eine körperliche Untersuchung. Zur Diagnostik bei solchen unklaren Beschwerden gehört in aller Regel auch einen Magenspiegelung, ein Ultraschall des Oberbauchs und meist auch Laboruntersuchungen des Blutes. Ergeben all diese Diagnosemethoden keine auffälligen Befunde, hat sich der Verdacht auf einen Reizmagen erhärtet.

Professor Dr. med. Andreas Stengel, Universitätsklinikum Tübingen

W&B/Privat

Wie wird der Reizmagen behandelt?

Ein erster und ganz wichtiger Schritt bei der Therapie des Reizmagens ist Information. Im persönlichen Gespräch erläutert der Arzt dem Betroffenen, dass es sich um eine funktionelle Störung handelt, welche möglichen Ursachen die Beschwerden haben, dass sich keine ernste Erkrankung dahinter verbirgt und welche Behandlungsmaßnahmen in Frage kommen. In Absprache mit dem Patienten macht Andreas Stengel dann einen medikamentösen Therapieversuch, der sich nach den individuellen Symptomen richtet. Stehen Beschwerden während und nach dem Essen im Vordergrund, eigenen sich Wirkstoffe, welche die Magenbewegungen beeinflussen (Prokinetika). Bei Schmerzen werden Magensäurehemmer oder auch Amitriptylin in niedriger Dosierung eingesetzt. "Das sind aber immer nur symptomatische Behandlungen, auf die längst nicht alle Patienten ansprechen", stellt Stengel klar.

Ein bedeutender Bestandteil der Therapie besteht deshalb darin, krankheitsbegünstigende Faktoren wie Rauchen, Alkohol oder Übergewicht weitest möglich auszuschalten. Das beinhaltet auch den Umgang mit psychischen Belastungen, die Beseitigung von Konfliktsituationen und den Abbau von Stress. Genügend Schlaf, Sport, Bewegung und Entspannungstechniken wie autogenes Training helfen dabei. Für manche Betroffene ist es zudem ratsam, eine Psychotherapie in Erwägung zu ziehen, insbesondere dann, wenn begleitend eine psychische Erkrankung vorliegt.

Die Chancen, einen Reizmagen erfolgreich zu behandeln, stehen gut – auch wenn die Symptome nicht immer vollständig verschwinden. "Entscheidend ist, dass die Beschwerden soweit in den Hintergrund treten, dass sie die Lebensqualität kaum noch oder gar nicht mehr beeinträchtigen", sagt Andreas Stengel. "So lautet das Therapieziel, das sehr häufig auch erreicht wird."



Bildnachweis: Your Photo Today/A1Pix, W&B/Privat

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